Als Architekt und Bausachverständiger sammelt sich über die Jahre eine Menge Wissen an, das nie irgendwo sichtbar wird: wiederkehrende Schadensbilder, typische Baufehler, Muster aus Gutachten, Antworten auf immer dieselben Fragen von Bauherren. Das Problem ist nicht das Wissen selbst, sondern dass es fast ausschließlich im Kopf oder in abgeschlossenen Akten existiert. Klassische Akquise – ein bezahlter Eintrag in einem Auswanderer-Forum, ein Banner auf einer Verzeichnisseite – erzeugt dabei erfahrungsgemäß kaum messbaren Zulauf. Die Klickrate auf ein reines Firmenbanner ist niedrig, das zeigt auch die eigene Analytics-Auswertung.
Vom Fachartikel zum Kurzvideo
Der Ausgangspunkt war bereits vorhanden: ein Bestand anonymisierter Praxisartikel, jeweils aus wiederkehrenden Mustern mehrerer unabhängiger Gutachten verallgemeinert, ohne Rückschluss auf einzelne Objekte oder Personen. Diese Artikel eigenen sich gut als Rohmaterial für Kurzvideos, weil die inhaltliche Arbeit – Recherche, fachliche Prüfung, Anonymisierung – bereits erledigt ist. Was fehlt, ist die Übersetzung von geschriebenem Fließtext in ein Sprech- und Bildformat, das in 60 bis 90 Sekunden funktioniert.
Arbeitsteilung zwischen den Werkzeugen
Im Aufbau dieses Workflows hat sich eine klare Rollenverteilung zwischen verschiedenen KI-Werkzeugen herauskristallisiert, die jeweils unterschiedliche Stärken haben:
Für die Content-Strategie – Positionierung des Profils, Bio-Text, Dramaturgie eines einzelnen Reels, Auswahl der Themenreihenfolge – eignet sich ein allgemeines Sprachmodell wie ChatGPT gut, weil es schnell viele Formulierungsvarianten liefert und sich gut für iteratives Feintuning von Texten eignet.
Für die technische Umsetzung – das eigentliche Bauen und Verifizieren der Website-Inhalte, das Zusammenführen von Recherchematerial zu geprüften, anonymisierten Artikeln, sowie länger laufende Aufgaben wie das Einrichten eines E-Mail-Alarms für Forenbeiträge – ist ein Werkzeug mit Datei- und Ausführungszugriff wie Claude sinnvoller, weil es Ergebnisse tatsächlich prüfen (z. B. auf versehentlich enthaltene Klientennamen) und direkt in Dateien umsetzen kann, statt nur Text vorzuschlagen.
Für die Vertonung eines Erklärparts mit sprechendem Avatar ist HeyGen die naheliegende Wahl: ein KI-Avatar liest den vorbereiteten Sprechtext lippensynchron ein, wahlweise mit automatischer Übersetzung in weitere Sprachen.
Für atmosphärische Bildebenen – eine feuchte Kellerwand in Nahaufnahme, Wasser, das hinter dem Putz entlangläuft, eine Detailaufnahme einer Bauteilöffnung – liefert ein reines Avatar-Werkzeug wie HeyGen wenig. Hier bietet sich ein Bild-zu-Video-Werkzeug wie Krea an, das aus Text- oder Bildvorlagen kurze, realistische Videoclips erzeugt und dabei auf mehrere zugrunde liegende Videomodelle zugreifen kann. Der Gedanke dahinter: ein Architektur-Erklärvideo soll nicht wie ein typisches KI-Avatar-Video wirken, sondern eher wie eine kleine Baudokumentation, bei der der Avatar die Rolle des Moderators übernimmt und die generierten B-Roll-Aufnahmen die Rolle der Kamera.
Ein konkretes Reel als Beispiel
Für das erste Pilotthema – warum ein feuchter Fleck im Keller selten zeigt, wo das eigentliche Problem sitzt – ergab sich daraus folgender Szenenaufbau: ein kurzer Bild-Teaser der feuchten Wand, danach der Avatar mit der Kernaussage des Hooks, anschließend eine kurze animierte Sequenz, die zeigt, wie Wasser unter der Abdichtung seitlich wandert, danach die fachliche Erklärung durch den Avatar, und zum Schluss ein ruhiger, textarmer Abspann mit Name, Funktion und Internetadresse.
Beim eigentlichen Rendern in HeyGen zeigten sich ein paar praktische Stolpersteine, die für andere, die das zum ersten Mal ausprobieren, hilfreich sein dürften: im kostenlosen Tarif gilt ein Limit von einer Minute Videolänge pro Szene, das Rendern selbst kann – abhängig von Auslastung und verwendetem Avatar-Modell – mehrere Minuten dauern, und es lohnt sich, den Abspann bewusst ruhig zu gestalten (kein Avatar, keine oder nur eine kurze gesprochene Zeile, dafür eine gut lesbare, vollständige Internetadresse inklusive „www.", damit sie auf den ersten Blick eindeutig als Webadresse erkennbar ist).
Warum die Positionierung wichtiger ist als das Werkzeug
Ein wiederkehrender Punkt in beiden Arbeitsprozessen war, dass die Wahl des Werkzeugs zweitrangig ist gegenüber einer klaren Positionierung: wer ist der Absender, wobei hilft er, für wen arbeitet er. Bei einem Instagram-Profil mit begrenztem Platz für die Bio bedeutet das, sich bewusst gegen einen möglichst umfassenden Text und für wenige, klar verständliche Aussagen zu entscheiden. Ebenso wichtig war die Entscheidung, das Profil nicht als klassische "schöne Architekturbilder"-Seite aufzubauen, sondern als Wissenskanal, der wiederkehrende praktische Fragen beantwortet – das unterscheidet den Ansatz von den meisten Architekturprofilen und lässt sich direkt aus dem bereits vorhandenen Praxiswissen speisen, statt eigens dafür Inhalte erfinden zu müssen.